Der Tag in Schwedt war aus ganz persönlicher Sicht der anstrengendste und der schönste im bisherigen Wahlkampf. Nadine, die Stadtvorsitzende der Linken, hatte ein wahrlich lückenloses Programm zusammengestellt. Ich war am Vorabend, Sonntags, gegen 22.30 Uhr in Schwedt angekommen, fünf Jahre nach meinem ersten Besuch in dieser Stadt. Damals wie diesmal ging es um Wahlkampf. Allein die Übernachtungs-Lokalität war schon was besonderes: Ein einstöckiges Gebäude aus Platten, ausserhalb der Stadt im Wald, gemeinsam mit polnischen Bauarbeiterinnen und -arbeitern. Manche finden das ja eigentümlich, aber ich steh sehr auf die Ausstrahlung solcher Orte.

Schwedt ist eine Reise wert.
Morgens gings dann in aller Frühe los: Um 7.30 Uhr Diskussion mit SchülerInnen des LK Politik am Gauß-Gymnasium, 10.30 Uhr Gespräch und Besichtigung des Uckermärkischen Bildungsvereins Schwedt, 15.00 Uhr Infostand auf dem Platz der Befreiung und 18.30 Uhr Bürgerforum der Partei.
Im Uckermärkischen Bildungsverein wurden Nadine und mir die verschiedenen Ausbildungsberufe, vom Floristen bis zum Hauswirtschafter, vorgestellt. Ich fands unheimlich beeindruckend, mit welcher Freundlichkeit wir empfangen und begleitet worden sind. Ebenso früh morgens im Gymnasium, wo uns jemand mit der rechten Hand die Tür aufhielt und meinte: Ich geb Ihnen zur Begrüßung die linke Hand, aber die kommt von Herzen. Im Bildungsverein war Gelegenheit, eine Reihe junger Menschen beim Mittagessen und bei der Besichtigung auch persönlich ein wenig kennenzulernen. Ihre Geschichten waren geprägt von einem Kampf um ein gutes Leben. Jede einzelne dieser Geschichten hatte sehr viel mehr mit Kapitalismuskritik zu tun, als unser ganzes Wahlprogramm hoch zehn. Sie waren konkreter, am wirklichen Leben ausgerichtet: Die geringe Entschädigung (wie soll ein Mensch von 92 EUR im Monat leben?), der kaputte Spielplatz oder die Farbenlehre bei den Floristen.

Während des Bürgerforums, gemeinsam mit der Genossin Christa.
Abends hatte ich die Möglichkeit, bei Christa zu Abend zu essen und auf diese Art die Bekanntschaft sehr engagierter, liebevoller Menschen zu machen. Christa und ihr Verein SODI laden für die Unterstützung der Tschernobyl-Opfer Jahr für Jahr ein weißrussisches Mädchen nach Schwedt ein, das während einer 4-wöchigen Behandlung eine bewegliche Prothese erhält. Seit ihrem fünften Lebensjahr kommt die heute Zehnjährige jeden Sommer gemeinsam mit ihrer Großmutter. Da die Prothese jedes Jahr ausgewechselt werden muss, sammelt Christa immer ein ganzes Jahr lang Geld. Anders würde das Mädchen nicht laufen können, da in Weißrussland die Technik fehlt, bewegliche Prothesen herzustellen. Inzwischen fährt es Fahrrad. Das Schauen der Fotos hat mich sehr bewegt.
Nachts gings dann zurück nach Dresden.